Digitalisierung der Energiewirtschaft: Was bedeutet das (juristisch)?

Nicht nur rechtlich und politisch erlebt die Strombranche spätestens seit ihrer Liberalisierung 1998 einen Wandel; auch technologisch bedingt die Digitalisierung der Energiewirtschaft mittlerweile erhebliche Umwälzungen. Grund genug, die wesentlichen Trends zusammenfassen, die das Schlagwort „Digitalisierung der Energiewirtschaft“ bündelt.

Vermarktung über das Internet

Am weitesten fortgeschritten ist die Digitalisierung der Energiewirtschaft bereits in der Vermarktung von Stromangeboten gegenüber Verbrauchern. Praktisch jeder Anbieter hat ein Internet-Portal eingerichtet, auf dem sich Stromlieferverträge abschließen und verwalten lassen. Ebenso finden sich etliche Plattformen, die verschiedene Angebote vergleichen und für Endverbraucher den jeweils günstigsten, ökologischsten oder flexibelsten Tarif ermitteln. Auch verwerten die meisten Anbieter einen Großteil ihres Marketing-Budgets darauf, den Online-Vertriebsweg zu fördern – gerade über SEA und durch Werbung in den Sozialen Medien.

Gewiss wurde dieser Trend dadurch begünstigt, dass sich der Entwicklungsaufwand für ein Webportal in Grenzen hält und bestehende Modelle aus anderen Geschäftszweigen eins zu eins übernommen werden konnten.

Datenerhebung

Weniger erkennbar, aber nicht weniger vorhanden sind demgegenüber die Potenziale der Digitalisierung der Energiewirtschaft im Hinblick auf technologisch neu erschließbare Datenquellen. Smart Meter, also mit dem Internet verbundene Messgeräte, gestatten es beispielsweise, Stromerzeugung, -übertragung und -verbrauch in Echtzeit zu verfolgen und genauso flexibel zu steuern. Damit lassen sich Kapazitäten effektiver nutzen, wovon nicht nur die Umwelt und die Versorgungsinfrastruktur profitieren, sondern auch die Verbraucher selbst. Dies beweist etwa der Stromanbieter Lichtblick, indem er überschüssige Kapazitäten seiner Kunden weiter verwertet und mindernd gegen die Bemessung der Stromkosten rechnet. Ähnlich geht der Speicheranbieter Sonnen vor. Das Unternehmen hat sich vorgenommen, die Stromspeicher seiner Kunden zusammenzuschließen, wechselseitig Energie aus heimischer Photovoltaik umzuverteilen und im Gegenzug für den dauerhaften Stromkonsum lediglich eine niedrige Pauschale zu berechnen.

Daneben entstehen aber auch ganz andere Geschäftsfelder, auf denen die Verwertung zusätzlicher Datenströme als Teil der Digitalisierung der Energiewirtschaft dieselbe bewegt. Erwähnt sei etwa die Google-Tochter Sunroof, die anhand von Satellitenbildern aus Google-Maps und Googles Wetterdaten ausmisst, welche Energiemengen eine Photovoltaikanlage auf einer bestimmten Dachschräge erzeugen könnte. Eingespart werden damit unter anderem eine Ortsbegehung und die individuelle Vermessung.

Fernsteuerung von Erzeugungseinheiten und Netzen

Je weitreichender die Netzinfrastruktur und die Erzeugungseinheiten ans Internet angebunden werden, desto feingliedriger lässt sich ihr Betrieb dem Bedarf anpassen. Aber auch die Wartung der Einrichtungen kann zunehmend aus der Ferne übernommen werden. Wo weiterhin Außendienstmitarbeiter notwendig sind, profitieren sie ihrerseits von präzisen Fehlerdiagnosen, die anhand ständiger Messdaten aus dem Smart Grid bereits vor einer Ortsbegehung angefertigt werden können.

Allgemein gilt zudem: Je weitreichender die Digitalisierung den administrativen Apparat eines Stromanbieters erfasst, desto eher lassen sich Arbeitsschritte automatisieren und Personalkosten einsparen. Das betrifft etwa den Kundendienst, wo ein gut gepflegter FAQ-Bereich, automatische Kurznachrichten zu Störfällen und eine Community Verbrauchern häufig schneller und kostengünstiger die gewünschte Auskunft liefern können als ein Heer von Service-Mitarbeitern.

Rechtliche Implikationen der Digitalisierung der Energiewirtschaft

Je weitgehender Prozesse wie die oben genannten voranschreiten, desto stärker gerät die Energiewirtschaft auch mit Vorschriften des Datenschutzes und der IT-Sicherheit in Kontakt. Waren Stromanbieter bisweilen kaum mit derartigen Vorgaben konfrontiert, weist das IT-Recht seit einigen Jahren gerade ihnen ein verschärftes Pflichtprogramm zu. Denn indem Cyber-Attacken zunehmen und die Verwundbarkeit digitaler Volkswirtschaften verdeutlichen, rückt gerade die IT-Sicherheit kritischer Infrastrukturen in den Fokus gesetzgeberischer Bemühungen. Hiervon kündet das IT-Sicherheitsgesetz.

Ähnlich ambitionierte Anforderungen an die IT-Infrastruktur eines Stromanbieters stellt auch die im Mai 2018 in Kraft tretende EU-DSGVO. Wo Smart-Meter in wachsender Detaildichte das Nutzerverhalten einzelner Kunden in Datenbanken und Online-Plattformen erfassen, steigt evident das Bedürfnis nach effektiven Datenschutzvorkehrungen. Neue Brisanz erfährt diese rechtliche Vorgabe in knapp einem Jahr unter anderem durch die europarechtlich vorgesehene Beweislastumkehr bei Verstößen und die drastisch erhöhte Bußgeldbemessung.

Damit gewinnt die Herausforderung des digitalen Wandels auch eine juristische Dimension. Wer sich auf dem umkämpften Strommarkt behaupten will, sollte deshalb nicht zuletzt in rechtlicher Hinsicht die Leistungsfähigkeit neuer innovativer Produkte prüfen.

Ansprechpartner


RA Dr. Henrik Bremer
h.bremer@wr-recht.de
Fachanwalt für Steuerrecht
Wirtschaftsprüfer, Steuerberater